Freitag, 26. August 2016

Selbstgezimmerter Fundamentalismus

Im zweiten Teil (hier geht es zu Teil 1) zur Besprechung von Siegfried Zimmers Buch „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben?“ möchte ich auf die Zimmer'sche Polemik gegen das „fundamentalistische Bibelverständnis“, wie Zimmer das nennt, eingehen. Diese lange und komplexe Umschreibung ist der Versuch, das „böse“ Wort „Fundamentalismus“ zu relativieren, ohne darauf verzichten zu müssen. An dieser Stelle lasse ich den Begriff an sich mal so stehen, auch wenn ich damit nicht glücklich bin. Es gibt, wie gesagt, genügend gute Literatur zum Thema.

Wo geht der Riss tatsächlich durch?
Schon im Vorwort beschreibt Zimmer einen Riss, der durch die Christenheit geht. Die große Frage ist deshalb, wo dieser Riss hindurchgeht. Und da haben wir ein Problem, denn Zimmer definiert diesen Riss an die falsche Stelle. Zimmer schreibt: „Diese Unterscheidung zwischen dem Rang Gottes und dem Rang der Bibel lehnt die fundamentalistische Theologie ab.“ (S. 22) Mit anderen Worten: Für den Fundamentalisten ist die Bibel gleich Gott. Diesen Vorwurf wiederholt Zimmer später übrigens mehrmals.

In einem späteren Kapitel finden wir korrekt die drei Autoritätsebenen aufgelistet:
1. Ebene: Die Autorität des dreieinigen Gottes
2. Ebene: Die Autorität der Heiligen Schrift
3. Ebene: Die Autorität der Kirche“ (S. 51)
Kaum ein ernsthafter Theologe würde diese drei Ebenen abstreiten. Doch genau den Vorwurf macht Zimmer den „fundamentalistischen“ Theologen: Für sie gebe es nur auf der ersten Ebene Gott und die Bibel und auf der zweiten Ebene die Kirche. Der eigentliche Riss – das, was Zimmer entweder nicht zu verstehen scheint oder nicht verstehen will – geht durch die Konsequenzen, die sich aus diesen drei Ebenen ergeben, weshalb die ersten Kapitel des Buches letztendlich nichts als leere Rhetorik sind, mit welchen Zimmer versucht, seinen fundamentalistischen Strohmann zu zerstören.

Für den historisch-kritischen Theologen bedeuten diese drei Ebenen, dass sich die Kirche (oder der Theologe) über die Bibel stellen darf, wo er von Gott beabsichtigte Widersprüche oder Fehler zu sehen meint, während der bibeltreue Theologe unter dem Wort Gottes, nämlich der Bibel, bleibt und davon ausgeht, dass sich solche Fälle durch gründliches Studium innerhalb der Bibel auflösen. Der historisch-kritische Theologe ist der Ansicht, er müsse mit seinem Verstand (oder im Falle Zimmers mit seinem Jesus) gegen die Bibel argumentieren (vgl. S. 96), während der bibeltreue Theologe bereit ist, mit der ganzen Bibel auch mal gegen seinen Verstand oder gegen ein fremdes Jesusbild zu argumentieren.

Eine Frage der Demut
An dieser Stelle kommt auch wieder die Frage nach der Demut auf. Was ist die echte Demut Gott gegenüber? Ist es demütig, wenn ich eine Bibel habe, die ich je nach meinem Gutdünken an jede beliebige Politik, Ideologie und sonstige Gedanken anpassen kann? Ist es nicht vielmehr demütig, die eine Bibel, die Gott uns geschenkt hat, ohne Wenn und Aber zu nehmen und sie Gott gebrauchen lasse, um mich zu verändern? Wenn die Bibel so schwach und biegsam ist, wie Zimmer das behauptet, dann kann sie es mit meinem sturen Kopf nie und nimmer aufnehmen.

Zimmer geht dann noch auf das Thema Vollkommenheit ein. Wenn wir davon sprechen würden, dass die Bibel vollkommen sei, dann habe das keine biblische Grundlage. Das Argument von Psalm 19,8 versucht er folgendermaßen zu entkräften: „Das Wort [tamim] bezeichnet ein Tier, das weder krank noch verstümmelt ist. Im Opferkult durften nur gesunde Tiere verwendet werden (vgl. Lev 22,19ff). Das Gegenteil von tamim bedeutet 'missgebildet, unvollständig' (vgl. Lev 22, 18-21; Nu 19,2). Es geht bei diesem Wort um Gesundheit im Sinne der körperlichen Unversehrtheit, um die Vollständigkeit der körperlichen Gliedmaßen.“ (S. 56) Das Problem ist nur: Wenn das Wort auch auf die Bibel (Torah) angewandt wird, zeigt sich darin das Scheinargument Zimmers gegen den Psalm. Wenn doch die Bibel derart von Fehlern und Widersprüchen entstellt ist – und dies angefangen mit der Genesis, welche bekanntlich ein wichtiger Teil der Torah ist – so kann sich Zimmer keinesfalls auf seine Wortstudie berufen, um den Psalm zu entkräften.

Die Chicago-Erklärungen
Einen nicht geringen Teil im Buch macht auch die Auseinandersetzung mit den Chicago-Erklärungen aus. Was sind die Chicago-Erklärungen? Zimmer erklärt: „Die 'Chicagoer Erklärungen' gelten international als wichtigste Selbstdarstellung des neueren protestantischen Fundamentalismus.“ (S. 100) Also anders gesagt: Weil es international kein gemeinsames Bekenntnis der bösen Fundamentalisten gibt, muss man halt zu dem greifen, was einem solchen vielleicht noch am nächsten kommt.

Fakt eins ist: Die Chicago-Erklärungen wurden von Theologen aus verschiedenen Ländern erarbeitet. Fakt zwei ist: Trotzdem kamen die allermeisten davon aus den USA und haben die Erklärungen im Kontext der amerikanischen Theologie erarbeitet. Fakt drei: Hier in Europa haben diese Erklärungen so gut wie nichts (mehr) zu sagen. Alle bibeltreuen Ausbildungsstätten haben längst kürzere und an die westeuropäische Theologie angepasste Glaubensbekenntnisse erarbeitet.

Schauen wir uns ein paar Kritikpunkte von Zimmer an. Die Chicago-Erklärungen sind Bekenntnisse zur Bibel, aber keine vollständigen Glaubensbekenntnisse, die die gesamte Dogmatik abdecken wollen. In der amerikanischen Theologie ist das kein Problem, da gibt es eigene Bekenntnisse zu allen möglichen Teilen der Dogmatik, in diesem Kontext ist es somit kein Problem, im Bekenntnis zur Bibel nur allgemein auf die Offenbarung Gottes in Jesus Christus einzugehen. Das ist für Zimmer ein Problem (und ja, es ist tatsächlich eines in Anbetracht unseres deutschen Kontextes). Ihm fehlt, dass man Jesus Christus explizit den Vorrang vor der Bibel zuspricht. Darauf kann er sich natürlich wie ein hungriger Löwe stürzen und darauf herumreiten.

Zimmer schreibt: „In den Chicagoer Erklärungen steht die Offenbarung in Gestalt der Heiligen Schrift so sehr im Vordergrund, dass das Spezifische der Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus nicht mehr angemessen wahrgenommen und gewürdigt werden kann.“ (S. 102) Einerseits hat er recht, dass man das noch besser hätte herausarbeiten können oder sollen. Zugleich findet sich hier aber auch wieder ein typisches Vorgehen von Zimmer: Zuerst definiert er, wie stark man das Spezifische herausstreichen muss, um dann mit seinem Maßstab den Wortlaut der Chicago-Erklärungen abkanzeln zu können, er sei zu wenig stark.

Thomas Schirrmacher beschreibt in der deutschen Übersetzung, aus welcher übrigens auch Zimmer beständig zitiert, das Anliegen der Chicago-Erklärungen mit folgenden Worten: „Zentrales Anliegen des ICBI war es, eine Hermeneutik zu formulieren, die sich einerseits von bibelkritischen Positionen absetzt, andererseits aber auch von fundamentalistischen Positionen, die wissenschaftliches Arbeiten an der Bibel grundsätzlich verwerfen. Letzteres wird etwa daran deutlich, dass der Wert von Textkritik, 'Gattungen', literaturwissenschaftlichen Kategorien und historischem Wissen über die Welt für das Studium der Bibel hervorgehoben wird.“ (Thomas Schirrmacher, Bibeltreue in der Offensive, S. 10; s. im obigen Link)

Zimmer schreibt dies zwar nirgendwo explizit, aber implizit lässt er den Eindruck entstehen, dass fundamentalistische Theologen die Gattungskritik ablehnen, denn er argumentiert für die (von allen mir bekannten evangelikalen Theologen weitgehend akzeptierte) Unterscheidung der verschiedenen Textgattungen. Auch hier ist er einmal mehr dabei, seine fundamentalistischen Strohmänner zu zimmern, um sie genüsslich zu zerhauen. Das sind alles Dinge, die sein Buch unnötig aufblähen. Er schreibt: „Wer die Bibel ernst nehmen will, muss auch die jeweilige Art der Sprache ernst nehmen. Er muss die Unterschiede zwischen den verschiedenen Textsorten beachten.“ (S. 135)

In einem anderen Abschnitt, als Zimmer die fundamentalistische Theologie mit derjenigen von Sekten (Zeugen Jehovas, Mormonen, Neuapostolische Kirche) vergleicht und ihnen ein gleiches Bibelverständnis unterstellt, nennt er die Inspirationslehre „Verbalinspiration“. Interessanterweise distanziert sich die Chicago-Erklärung von der Verbalinspiration zugunsten einer Personalinspiration. Das bedeutet: Gott hat den Autoren der Bibel nicht Wort für Wort diktiert, was sie schreiben sollen, sondern hat ihre Persönlichkeit inspiriert, sodass sie das Richtige schreiben. Artikel VIII der Chicago-Erklärung lautet: „Wir bekennen, dass Gott in seinem Werk der Inspiration die charakteristischen Persönlichkeiten und literarischen Stile der Schreiber, die er ausgewählt und zugerüstet hat, benutzte.
Wir verwerfen die Auffassung, dass Gott die Persönlichkeit dieser Schreiber ausgeschaltet habe, als er sie dazu veranlasste, genau die Worte zu gebrauchen, die er ausgewählt hatte.“ (Chicago-Erklärung, Artikel VIII, s. Schirrmacher, Bibeltreue, S. 19)

Niemand muss sich der Chicago-Erklärung anschließen oder sie in allen Punkten gut finden. Vielmehr versteht sie sich als Einladung zur Diskussion, und damit möchte ich diesen zweiten Teil auch beenden: „Wir laden jeden ein, auf diese Erklärung zu reagieren, der im Lichte der Schrift Gründe dafür sieht, die Bekenntnisse dieser Erklärung über die Schrift zu berichtigen, unter deren unfehlbarer Autorität wir stehen, während wir unser Bekenntnis niederlegen. Wir nehmen für das Zeugnis, das wir weitergeben, keine persönliche Unfehlbarkeit in Anspruch und sind für jeden Beistand dankbar, der uns dazu verhilft, dieses Zeugnis über die Schrift zu stärken.“ (ebd. S. 16)


Mittwoch, 24. August 2016

Die Verzimmerung der Evangelikalen

In diesem und ein paar weiteren Blogposts möchte ich auf ein Buch von Prof. Dr. Siegfried Zimmer eingehen. Er war Professor für Ev. Theologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Das Buch „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben? - Klärung eines Konflikts“ ist sein Versuch, einer Leserschaft mit einem „fundamentalistischen Bibelverständnis“ die historisch-kritischen Methoden schmackhaft zu machen. Aufmerksam wurde ich besonders, als ich erfuhr, dass er als Sprecher für das FreakStock (OpenAir-Festival der „Jesus Freaks“-Gemeinden) mehrere Jahre eingeladen wurde. Das hat mich nachdenklich und traurig gestimmt, da ich in früheren Jahren gerne und mit gutem Gewissen ein Besucher jenes Festivals war.

Bevor ich auf den Inhalt des Buches im Einzelnen eingehe (dies wird, wie gesagt, mehrere Blogposts in Anspruch nehmen), möchte ich den Aufbau und damit zugleich die Gliederung der Argumentation untersuchen.

Das erste Kapitel handelt davon, worin sich alle Christen in Bezug auf die Bibel einig sind (oder laut Zimmer einig sein sollten). Zunächst kommt Zimmer auf sein eigenes Bibelverständnis zu sprechen: „Ich bin davon überzeugt, dass Gott auch heute durch die Bibel zu uns Menschen – zu unserem Herz und Gewissen – spricht. […] [Diese Überzeugung] entspricht dem Verständnis, das sowohl Jesus, als auch die Schreiber der neutestamentlichen Schriften hatten. Sie entspricht der zweitausendjährigen Erfahrung der Christenheit. Und sie entspricht meiner eigenen Erfahrung.“ (S. 13) Und weiter: „Die Kirche darf nichts lehren, was dem Evangelium von Jesus Christus widerspricht. In diesem Sinn ist die Bibel der Maßstab (Kanon) für den Glauben, die Lehre und das Leben der Christen.“ (S. 14)

Das hört doch schon mal gut an, mag sich manch ein Leser denken. Doch schon wenige Seiten später klingt das Ganze dann so: „Gott selbst macht einen Unterschied zwischen dem Wichtigen und dem weniger Wichtigen in der Heiligen Schrift.“ (S. 17) Im Kontext geht es darum, dass Jesus nicht alle Gebote gleich wichtig gewesen sein sollen. Manche Gebote wie das Doppelgebot der Liebe sei wichtiger als die anderen Gebote. Das ist nun eindeutig falsch, denn Jesus sagt ja, dass alle Gebote in diesen zweien enthalten sind. Das ganze Gesetz und die Propheten hängen an diesen zwei Geboten – aber nicht, wie Zimmer behauptet, „wie die Tür in den Angeln“ (ebd.), sondern indem sich alle Gebote in diese zwei Kategorien einteilen lassen: Zahlreiche Gebote als Liebe zu Gott und die anderen Gebote als Nächstenliebe.

Auf den nächsten Seiten – immer noch unter der Überschrift dessen, was alle Christen einen sollte – erweist sich Zimmer als Barthianer (Nachfolger Karl Barths), der gern von der Wirkung der Bibel spricht: „Von Gottes Wort kann man nicht reden, ohne von seiner Wirkung zu reden. Ein kraftloses Wort, das nichts Neues schafft, und den Menschen nicht verändert, ist nicht Gottes Wort.“ (S. 19) Spätestens hier sollte der Leser zu denken beginnen. Wer sagt denn nun, welches Wort der Bibel wirkt und verändert? Ich habe noch kein Wort in der Bibel gefunden, das mich nicht beständig herausfordert und verändern möchte, und wäre es noch so ein kleines „und“ oder „aber“.

Im zweiten Kapitel geht es um die Spaltung der Christenheit, um den Ort, wo der „Riss“ zwischen den Christen mit „fundamentalistischem Bibelverständnis“ und denen ohne ein solches durchgehen soll. Ich werde darauf im nächsten Post dazu noch eingehen. Daran schließt sich ein Exkurs an, weshalb Zimmer den Begriff „Fundamentalismus“ trotz aller Gefahren gebraucht. Ich bin mit diesem Begriff nicht glücklich, einige evangelikale Theologen haben dazu schon Stellung genommen, darunter ist besonders auch Prof. Thomas Schirrmacher hervorzuheben.

Das dritte und vierte Kapitel hat die Überschrift: „Die Unterscheidung von Gott und Bibel“, sowie „Die Unterscheidung von Jesus Christus und Bibel“. Hier geht es jeweils um eine billige Argumentation, dass Bibelfundamentalisten die Bibel auf dieselbe Ebene wie Gott (bzw. Jesus Christus) heben würden. Hier fällt auch der hermeneutische Schlüssel, also der philosophische Hintergrund, wie Zimmer die Bibel auslegen will: „Kein Satz der Bibel darf an Jesus Christus vorbei Autorität erhalten. Entscheidend ist nicht, dass ein Satz in der Bibel steht. Entscheidend ist, in welcher Nähe oder Ferne er zu Jesus Christus steht. Nicht alles, was in der Bibel steht, hat die Qualität von Jesus Christus. Deshalb dürfen wir nicht nur, sondern müssen wir die Bibel kritisch lesen.“ (S. 95) Was das im Detail bedeutet, möchte ich ebenfalls andernorts noch etwas ausführlicher besprechen. Das vierte Kapitel endet mit einer Polemik gegen die sogenannte „Chicago-Erklärung“ (ein Dokument, welches ein internationales Gremium namhafter Theologen ausgearbeitet hat, in welchem es um die Bedeutung der Bibel geht).

Das Argument vom „verborgenen Gott“ darf natürlich an der Stelle nicht fehlen. Gott sei so demütig und würde sich so gut verstecken wollen, dass man in der Bibel nach dem echten Wort Gottes suchen müsse. Gott habe sich in der Schwachheit und Demut offenbart – warum sollte das dann nicht auch für die Bibel gelten? „Viele Christen wollen keine Bibel, in der es auch Schwachheiten und Unscheinbares gibt. Das entspricht nicht ihren Vorstellungen und Bedürfnissen. Sie wollen eine Imponierbibel, die ihre Sicherheitsbedürfnisse rasch und komplett befriedigt. Passt aber eine solche Bibel zum 'Wort vom Kreuz' (1Kor 1,18)?“ (S. 53)

Man merkt bereits hier, dass das Buch ein rhetorisches Meisterwerk ist. Der Leser wird zuerst mit einigen nichtssagenden Sätzen eingelullt (nichtssagend deshalb, weil sie jeder wieder nach Belieben anders verstehen kann), und wer den ersten Aussagen noch zustimmen kann, wird plötzlich in einen Konflikt kommen, weil der Autor ja so sympathisch schreibt und da kann er doch nur recht haben. Wer in den ersten vier Kapiteln noch nicht wachgerüttelt ist, wird am Ende in einem noch größeren Konflikt aufwachen: Ab dem fünften Kapitel geht es nämlich erst recht zur Sache.

Zunächst bespricht nämlich Zimmer, was man alles unter dem Satz „Die Bibel ist Gottes Wort“ verstehen kann. Hier tut sich nun der ganze Abgrund des bibelkritischen Vokabulars auf. Am Ende des Kapitels geht er wieder einen Schritt auf den Leser zu, indem er seine Nähe beteuert, weil er ja auch die Sichtweise vertrete, dass der Satz „Die Bibel ist Gottes Wort“ theologisch angemessen sei – und das, obwohl ja so viele andere Theologen da anderer Meinung seien.

Im sechsten Kapitel wird der Begriff der Inspiration behandelt. Auch hier kann sich Zimmer nicht eines grundlegenden „Fundamentalisten“-Bashings enthalten. Das fällt ihm überhaupt sehr schwer, weshalb sich das Buch vielerorts etwas zäh liest – und das trotz der Kürze und obwohl in den meisten Fragen das Wichtigste fehlt: „Bei den fundamentalistischen Inspirationstheorien geht es nicht mehr um Kopernikus, Galilei, Kepler und Newton. Man fühlt sich durch andere Gefahren bedroht: durch die moderne Bibelwissenschaft, die Evolutionstheorie und den modernen Liberalismus.“ (S. 127) An dieses Kapitel ist wiederum ein Exkurs gehängt, welcher die Inspirationsverständnisse im orthodoxen Judentum, im Islam und im fundamentalistischen Bibelverständnis vergleicht und in vielen Punkten einander gleichsetzt.

Das siebte Kapitel ist die Einleitung in den Höhepunkt des Buches, nämlich die Verteidigung der historisch-kritischen Methoden und beginnt – wie so oft bei Zimmer – ganz harmlos mit einem durchaus berechtigten Thema: Die Bibel enthält unterschiedliche Arten von Texten, die unterschiedlich verstanden und ausgelegt werden wollen. Ein Brief ist etwas anderes als ein Bericht von einem Ereignis. Schnell folgt aber der inzwischen vorhersehbare Umschwung: Wer das anerkennt, muss auch jede Menge anderer Arten und Methoden der historischen Kritik an der Bibel zulassen und gutheißen. Im achten Kapitel beschreibt Zimmer die Entstehung und weitere Entwicklung der „modernen Bibelwissenschaft“ (ein Begriff, den er übrigens nirgendwo definiert noch abgrenzt, aber das fürs Erste nur mal am Rande dazu).

Zum Schluss führt Zimmer noch „Ausgewählte Brennpunkte“ ein. Als Erstes ein Beispiel, wie die historisch-kritische Wissenschaft arbeiten kann, will oder soll. Als Beispiel wird natürlich wieder das Beliebteste gewählt, nämlich die Historizität des Buches Hiob, und zwar deshalb, weil zu diesem Buch bisher die meiste Zustimmung auch aus dem evangelikalen Lager gekommen ist, es für unhistorisch zu halten. Und als zweiten „Brennpunkt“ geht Zimmer auf den Beginn eines Theologiestudiums ein und versucht, irenisch wie am Anfang, den Schluss positiv abzurunden. Es sei ja echt schwer für einen Bibelfundamentalisten, mit dieser ganzen Bibelwissenschaft klarzukommen, es sei eine große Herausforderung, die sich auch in der Biographie niederschlagen würde, und endet mit Tipps wie dem Folgenden (man achte auf die Überheblichkeit des weiter Fortgeschrittenen): „Suchen Sie das offene und vertrauensvolle Gespräch mit den Dozenten und mit älteren Studierenden, die auf dem Weg der Öffnung schon ein Stück weiter vorangekommen sind.“ (S. 205)


Samstag, 13. August 2016

Auslegungspredigt ist... eine Herzenshaltung!

Ich habe zur Auslegungspredigt bisher eine Minimaldefinition und eine "negative Definition" gegeben. Heute möchte ich einen weiteren Gedanken dazu äußern, was ich unter der Auslegungspredigt verstehe. Auslegungspredigt ist zunächst nicht so sehr eine Methode der Predigtvorbereitung, sondern eine Herzenshaltung, WIE ich an die Predigtvorbereitung herangehe.

Ganz einfach gesagt, geht es um den Unterschied, was ich von der vorzubereitenden Predigt im Kopf habe, bevor ich mit der Vorbereitung des Predigttextes anfange. Wenn ich in diesem Moment schon eine Vorstellung davon habe, was ich der Gemeinde sagen möchte, dann bin ich unfähig zur Auslegungspredigt geworden. Es geht also nicht nur darum, Sprungbrett-Predigten zu vermeiden, sondern auch darum, bei der Vorbereitung vom Text auszugehen und nicht von meinen Gedanken, die ich davor habe.

Anders gesagt: Auslegungspredigt stellt den Bibeltext an den Anfang, in den Mittelpunkt und an das Ende der Predigtvorbereitung. Der Bibeltext bestimmt, was ich am Ende in der Predigt sagen werde. Sobald ich nämlich schon meine eigenen Gedanken und Themen an den Bibeltext herantrage, bin ich voller Vorurteile, was der Text sagen soll. Und genau das gilt es zu vermeiden. Ein zweiter Grund ist damit verknüpft: Jeder von uns hat so seine bestimmten Themen und Gebiete, wo er sich zu Hause fühlt. Vorurteilsloses Herangehen an den Bibeltext führt dazu, dass wir über diesen Tellerrand hinausschauen müssen. Es bereichert auch unser eigenes Leben enorm. Drittens ist es so, dass ich andere nur mit dem zum Brennen bringen kann, wovon ich selbst schon brenne. Diese Herangehensweise führt dazu, dass man sich ganz intensiv mit dem Bibeltext beschäftigen muss, und diese Reibung am Bibeltext bewirkt, dass man immer wieder von Neuem von Gottes Wort in Brand gesetzt wird.

Des Weiteren ist es die Herzenshaltung, die Gott zeigt, dass wir Seinem Wort vertrauen. Es geht dabei nicht so sehr um unser Können und Wissen, Tun und Lassen (obgleich wir innerhalb des Bibeltextes natürlich unser Bestes geben), sondern es ist die Wirkung, die Gottes Wort zuerst an uns als Predigern und danach am Hörer hat. Deshalb ist es auch die einzige Herangehensweise, welche sicherstellen kann, dass wir Gottes Wort und nicht unsere eigenen Gedanken verkünden. Wenn jemand predigt, so ist es Gott, der durch den Prediger zum Hörer reden will. Durch die Auslegungspredigt stellen wir sicher, dass unsere Predigt tatsächlich dem Wort Gottes entspricht, das Er heute durch die Predigt an die Hörer richten will. Gottes Wort kommt niemals leer zurück, das hat Gott uns ganz fest versprochen. Und dafür bin ich immer wieder sehr dankbar.


Freitag, 12. August 2016

Aller guten Dinge sind – vier!



Der Autor dieser vier Bücher ist Michael Freiburghaus, ein lieber Freund von mir, der im selben Jahrgang wie ich in Riehen studiert hat. Seit einem Jahr ist er in Leutwil-Dürrenäsch in der Schweiz Pfarrer. Ich wünschte mir mehr Prediger mit einer solchen Klarheit und Leidenschaft, dann wäre die nächste, dringend notwendige Reformation nicht mehr fern. Noch ein kleiner Hinweis am Rande: Die eBook-Version wird für acht Wochen zu einem besonders günstigen Preis angeboten. 



Logik unter Feuer
Der englische Pastor D. Martyn Lloyd-Jones definierte Predigen als „Logik unter Feuer“. An diese Definition wurde ich immer wieder erinnert, als ich den Sammelband der Aargauer Predigten „Ergreife Jesus – Von Jesus ergriffen“ las. Mit immer wieder erstaunlicher Leidenschaft versucht Michael Freiburghaus, seinen Zuhörern und Lesern Jesus Christus nahe zu bringen. Dabei schreckt er nicht vor aktuellen und kontroversen Themen zurück, sondern findet immer wieder neue Wege, um das Evangelium in allen Bereichen des Lebens anzuwenden. Möge Gott uns noch viele weitere so mutige und leidenschaftliche Prediger schenken!



Das EVANGELIUM
Was mich bei den Predigten von Michael Freiburghaus immer so sehr anspricht, ist, wie groß er das Evangelium schreibt. Nicht nur in Großbuchstaben, sondern so groß, dass alles vom Evangelium getränkt ist. Das Evangelium fürs ganze Leben. Nicht nur für den Anfang des Glaubens, sondern jeder einzelne Bereich und jede Zeit des Lebens soll durch das Evangelium bestimmt werden. Ein weiterer Band mit Predigten, die zeigen, wie kreativ eine solche Botschaft sein kann. Michael Freiburghaus sucht nach zahlreichen neuen Wegen und Beispielen, mit denen man die gute Nachricht von Jesus Christus den Menschen von heute verständlich machen kann. Ein wahrer Segen!



JESUS – ein Skandal!
Wenn man Jesus beim Wort nimmt und Seine unveränderliche Botschaft verkündet, so wird man immer auf Gegenwind stoßen. Es ist eine Botschaft, die Sprengstoff enthält und den Hörer verändern möchte. Das ist häufig unangenehm, aber notwendig. Auch in diesem Predigtband zeigt Michael Freiburghaus, wie die Botschaft von dem Skandal Jesus Christus auf ganz unterschiedliche Art und Weise immer wieder neu formuliert werden kann, ohne an Kraft und Klarheit zu verlieren.



Zwei Testamente – Eine Bibel
Was ist die Bibel? Sie besteht aus zwei Testamenten, einem Alten und einem Neuen Testament. Wie hängen diese beiden zusammen? Wie ergänzen sie einander? Worin bestehen ihre Unterschiede und Gemeinsamkeiten? Gibt es eine gemeinsame Botschaft, die sich durch die ganze Bibel hindurch zieht? All diesen Fragen geht Michael Freiburghaus auf den Grund. Ein sehr empfehlenswertes Buch!



Dienstag, 9. August 2016

#ec16poland: EuroCamp in Breslau / Wroclaw



7200 Royal Rangers wurden gezählt – so die vorsichtige Schätzung. Hunderte von Schwarzzelten und anderen Übernachtungsmöglichkeiten füllten die acht Campstädte, welche tagsüber eigentliche Zentren des Lebens waren. Erst abends ging es in das große Versammlungszelt, welches alle Teilnehmer zu fassen vermochte.

Unser Rangers-Stamm reiste bereits am Freitag, dem 29.07.2016 an. Spätabends wurden die ersten Zelte soweit aufgebaut, dass an eine erholsame Nacht zu denken war. Wegen diverser Baustellen und Straßenkontrollen erging es anderen Stämmen ähnlich, die ebenfalls am Freitag anreisten. Nach der ersten Nacht in Kohten und Jurten konnte man sich mit einem Frühstück stärken und ging erneut an die Aufbau-Arbeit.

An diesem Abend und auch am Sonntag noch einmal machten wir Ausflüge nach Breslau und in die nähere Umgebung. Ebenfalls waren wir am Mittwoch noch einmal in der Stadt Breslau, wo es nicht nur stark "rangerte", sondern auch Attraktionen wie Riesen-Seifenblasen zu sehen und testen waren.

Sonntags gegen Abend begann das EC offiziell, nach einem Abendessen durfte man zum ersten Mal campdorfweise anstehen, um Einlass in das große weiße Versammlungszelt gewährt zu bekommen. Nach der Eröffnungszeremonie und einer laut-fröhlichen Lobpreiszeit trat der Schweizer Pastor Stephan Hörtig auf die Bühne und begann gleich damit, das Evangelium mit den „Vier Punkten“ („The Four“) zu erklären. Im Anschluss daran erzählte er, was das Campthema „Kingdom: now but not yet“ mit dem Evangelium und mit unserem Leben zu tun hat.

Auch seine weiteren Predigten haben mir gut gefallen. Es ging darum, wer der Heilige Geist ist, um Seine Geistesgaben, um das Hören auf Gottes Stimme und zum Schluss darum, was es bedeutet, als Christ in dieser Welt zu leben; in dem Spannungsfeld zwischen dem „now“ und dem „not yet“. Wir sollen das Licht in der Welt sichtbar machen und Gott auch trotz vieler Widerstände, die gewiss kommen werden, treu dienen.
In den Teamzeiten am Vormittag wurden diese Themen noch im jeweiligen Team „im Kleinen“ besprochen und weiter ausgeführt. Das fand ich persönlich die wertvollsten Zeiten. In unserem Fall waren das sechs Personen, die zusammen die Bibel lesen, miteinander und füreinander beten, einander ermutigen und ermahnen. Da war Gottes Geist auf ganz besondere Weise am Wirken und hat mich herausgefordert.

Doch auch die freien Zeiten, die man nutzen konnte, um in ganz Europa bestehende Kontakte zu pflegen oder neue zu knüpfen, waren wertvoll. Was zur Zeit Pauli das Koine-Griechisch war, ist nun Englisch, denn meine paar Brocken Finnisch reichten leider nirgendwohin, um sich auf dem Camp zu verständigen.

Spiel und Spaß, Workshops und Wettbewerbe rundeten das Campleben ab. Abends konnte man sich noch in die zahlreichen Bistros setzen und bekam dort warme Mahlzeiten oder kühle Getränke (je nach Belieben natürlich auch umgekehrt). Auch unser Sohn fand (tagsüber) Spielplätze, die ihm Freude machten.

Auch die Rückreise ab dem 05.08.2016 war ganz spannend: Wohin man kam und wo immer man Halt machte, überall traf man auf Leute mit dem Camp-T-Shirt und die Frage: „Woher seid ihr?“ Oder zur Abwechlung: „Where are you from?“ ;-)


Samstag, 4. Juni 2016

Schuld und Sühne

Fjodor M. Dostojewski, Schuld und Sühne, 573 Seiten, kostenloses Kindle-Buch. https://www.amazon.de/Schuld-S%C3%BChne-Fjodr-Michailowitsch-Dostojewski-ebook/dp/B004UBCWK6/

Vor 150 Jahren (1866) veröffentlichte Fjodor M. Dostojewski sein Buch „Schuld und Sühne“, das von Thomas Mann als „den größten Kriminalroman aller Zeiten“ bezeichnet wurde. Es ist wirklich ein faszinierendes Werk der russischen Weltliteratur, das an Aktualität nichts eingebüßt hat. Dostojewski lotet die Grenzen der Moral aus, und zwar in gekonnter Weise, psychologisch und schriftstellerisch exzellent.

Ich bin lange vor den großen russischen Schriftstellern zurückgeschreckt und habe diese immer noch etwas weiter hinausgeschoben. Der Stil ist etwas eigen und Gewöhnung ist vonnöten. Als Marcus Hübner auf seinem Blog die Serie „Dostojewski lesen“ begonnen hat, fand ich das spontan eine gute Idee. Er bespricht wochenweise Kapitel der „Brüder Karamasow“. Hier muss ich zugeben, die ersten 100 Seiten fand ich schwierig, weil mir der Schreibstil Dostojewskis fremd war. Doch dranbleiben lohnt sich – das Buch hat mich gepackt und ich hatte es in zwei Monaten komplett durch. Vielleicht werde ich dazu auch noch mehr schreiben.

In „Schuld und Sühne“ geht es um einen Studenten, Rodion Raskolnikow, der sehr klug ist, aber leider auch sehr arm, und deshalb sein Studium nicht zu Ende finanzieren konnte. Nun lebt er in St. Petersburg, häuft sich einen Schuldenberg an, den er nicht bezahlen kann, und hofft auf finanzielle Unterstützung von zu Hause.

Ziemlich am Anfang des Buches lernt er einen ehemaligen Beamten kennen, der durch seine Trunksucht ebenfalls verarmt war, so sehr verarmt, dass seine Tochter Sonja auf den Strich gehen muss, sich zu prostituieren, um so die Familie über Wasser halten zu können. Kurz darauf erhält er einen Brief von seiner Mutter, in dem sie ihm berichtet, dass seine Schwester Dunja einen deutlich älteren aber vermögenden Mann heiraten wolle. Rodion vermutet, dass sie diesen hauptsächlich deshalb heiraten wolle, um ihn, Rodion, finanziell besser unterstützen zu können. Er empfindet diesen Schritt als demjenigen Sonjas sehr ähnlich.

Die Haupthandlung des Buches betrifft jedoch etwas anderes. Rodion hat eine fixe Idee, welche er in einem Zeitschriftenartikel dargelegt hatte: Wenn jemand, der ein seltenes Genie ist, in seinem Tun und seiner Zukunft bedrängt würde, so habe dieser ein Recht, so zu handeln, dass er das umsetzen kann, wozu er gemacht sei. So hätte etwa ein Napoleon das Recht gehabt, Menschen aus dem Weg zu schaffen, die versucht haben wollten, seine Zukunft zu verhindern. Da Rodion sich selbst für ein solches Genie hält, will er wissen, zu welcher Sorte Mensch er gehört. Er sieht da zwei Sorten: Die Menschen, also diese seltenen Genies, und den Rest der Menschheit nennt er „Läuse“. Um herauszufinden, was er ist, will er einen Mord begehen. Diesen verübt er an einer alten Frau, namentlich seiner Pfandleiherin, bei welcher er schon zweimal Pfand für Gegenstände bekommen hatte. Da die Schwester der Pfandleiherin im falschen Moment zu ihr kommt, nämlich kurz nach dem Mord, aber noch bevor Rodion das Haus verlassen konnte, muss auch sie dran glauben.

Dieser Mord lässt ihn nicht mehr los, das Gewissen meldet sich, eine Krankheit bricht aus, Rodion ist mehrere Tage bewusstlos, in den Zeiten, in welchen er wach ist, ist er immer unruhig. In der Zwischenzeit waren seine Mutter und Schwester zu Besuch gekommen. Es stellt sich heraus, dass der Zukünftige seiner Schwester ein ungehobelter Rüpel ist, der die Armut der Familie ausnutzen wollte, um eine demütige, ihn bewundernde Frau zu bekommen. Die Sache eskaliert schnell und die Verlobung wird aufgelöst.

Rodion ist sich nun beständig unsicher: Wieviel weiß die Polizei? Könnte sein Artikel in der Zeitschrift ihn verraten? Wie kann er den Verdacht von sich ablenken? Über diesem ständigen Grübeln wird er immer sehr schnell aufgebracht und lenkt auch öfter mal den Verdacht auf sich. Nach einigem Hin und Her stellt sich dann heraus, dass er tatsächlich verdächtigt wird. Auf viel Zureden von verschiedenen Seiten meldet er sich am Schluss freiwillig und gesteht die Tat. Einsichtig wird er nicht, dass er dadurch schuldig geworden ist.

Das Happy End zeichnet sich im Arbeitslager in Sibirien ab. Die treue Sonja, die ihn dorthin begleitet, wird ihm zur besten Freundin und mit der Zeit auch zur Geliebten. Eine große Frage bleibt offen: Wird er am Ende doch noch gläubig?

Ich meine, dass dies eine Schwäche des Buches ist. Dostojewski liebt es, sich in den finsteren Abgründen der menschlichen Seele aufzuhalten. Der Glaube ist etwas Wichtiges bei ihm, aber am Ende der Geschichte(n) bleibt häufig ein schaler Geschmack zurück – es fehlt etwas. Die Auflösung der größten und wichtigsten Frage im Leben eines jeden Menschen.

Davon abgesehen ist es ein großartiger Roman – Thomas Mann ist wohl zuzustimmen: Es ist zumindest einer der größten und besten Kriminalromane.


Freitag, 3. Juni 2016

Geländespiel "Pfadfinderfeuerwehr"

Heute möchte ich mal ein Geländespiel vorstellen, das ich vor ein paar Jahren für ein Royal-Rangers-Sommercamp entwickelt habe. Wir haben es bei Dämmerung angefangen, das Ende war in der Nacht - perfekt für ein solches Spiel.

Hier geht es zur Spielbeschreibung.






Sonntag, 15. Mai 2016

Albert-Einstein-Biographie von Albrecht Fölsing

Da mich schon seit früher Kindheit die Erforschung der gesamten Schöpfung Gottes sehr interessiert, möchte ich in dem Bereich auch gern immer wieder Neues lernen. So habe ich mir nun die umfangreiche Biographie Albert Einsteins von Albrecht Fölsing vorgenommen, um die Person, Theorien und Wirkungsgeschichte des großen Physikers des letzten Jahrhunderts besser kennenlernen und verstehen zu können.

Obwohl ich persönlich Einstein in vielen Bereichen alles andere als nahe stehe (was den Glauben und die Weltanschauung, Politik oder Wirtschaft betrifft – ich komme weiter unten noch darauf zu sprechen), habe ich von dem Buch in vielerlei Hinsicht sehr profitiert.

Die Biographie umfasst fast 1000 Seiten, und vielleicht fragt sich der eine oder andere Leser, wie ich es schaffe, an einem so langen Buch dranzubleiben. Meine ehrliche Antwort lautet: Gar nicht. So lange Bücher teile ich mir auf. Zunächst schaue ich mir die Kapitel und Unterkapitel an. Ich weiß, dass ich in einer Woche gut motiviert 300 Seiten schaffe, mehr allerdings meist nicht vom selben Buch am Stück. Deshalb brauche ich zwischendurch Abwechslung durch andere Bücher. So habe ich die ersten 200 Seiten Ende März gelesen, dann 400 Seiten im Laufe des Aprils (mit Unterbrechungen) und den Rest im Mai, ebenfalls mit Unterbrechungen. Diese Art des Lesens braucht etwas Übung, damit man beim nächsten Aufgreifen des Buches noch genau weiß, wo man aufgehört hat. Da ich mir Wichtiges anstreiche und am Seitenrand Notizen mache, fällt mir das leichter.

Im Folgenden möchte ich ein paar persönliche Höhepunkte, wichtige Zitate und eigene Gedanken zum Gelesenen auflisten.

1. Von der Begabung:
Übrigens weiß ich ganz genau, dass ich selbst gar keine besondere Begabung habe. Neugier, Besessenheit und sture Ausdauer, verbunden mit Selbstkritik, haben mich zu meinen Gedanken gebracht.“ (Albert Einstein) → S. 19

2. Von der langsamen Entwicklung:
Wenn ich mich frage, woher es kommt, dass gerade ich die Relativitätstheorie gefunden habe, so scheint es an folgendem Umstand zu liegen: Der Erwachsene denkt nicht über die Raum-Zeit-Probleme nach. Alles, was darüber nachzudenken ist, hat er nach seiner Meinung bereits in seiner frühen Kindheit getan. Ich dagegen habe mich so langsam entwickelt, dass ich erst anfing, mich über Raum und Zeit zu wundern, als ich bereits erwachsen war. Naturgemäß bin ich dann tiefer in die Problematik eingedrungen als ein gewöhnliches Kind.“ (Albert Einstein) → S. 25

3. Über die Berliner:
Ich verstehe jetzt die Selbstzufriedenheit des Berliners. Man erlebt so viel von außen, dass man die eigene Hohlheit nicht so schroff zu fühlen bekommt wie auf einem stilleren Plätzchen.“ (Albert Einstein) → S. 382
(JE: Das gilt heute nicht nur in Berlin, sondern an jedem Ort, wo man sich beständig von allem möglichen ablenken und berieseln lassen kann. Mehr stille Plätzchen täten der ganzen Menschheit gut.)

4. Über die Erfahrung:
Wirklich Neues erfindet man nur in der Jugend“ schrieb er an Zangger, „später wird man immer erfahrener, berühmter – und dümmer.“ → S. 463

5. Über die Neo-Kantianer:
Der Kant ist so eine Landstraße mit vielen, vielen Meilensteinen, und dann kommen die kleinen Hunderln, und jeder deponiert das Seinige an den Meilensteinen.“ (Albert Einstein) → S. 543

6. Über Israel:
Ich bin glücklich, in diesem Land zu sprechen, von dem aus die Thora die Welt erleuchtet hat, und in diesem Haus [damit meinte er die Hebräische Universität; Anm. JE], das eine Stätte der Weisheit und der Wissenschaft für alle Völker des Ostens werden soll.“ (Albert Einstein) → S. 607

7. Eine Gabe, die ich mir manchmal auch noch mehr wünschte:
Aber auch hier bewährte sich seine von Freunden vielfach mit Erstaunen registrierte „merkwürdige Gabe, Dinge, die ihm unangenehm sind, abzuschütteln wie ein Pudel das Wasser.“ → S. 677

8. Vom Gebrauch der Technik:
Sollen sich auch alle schämen, die gedankenlos sich der Wunder der Wissenschaft und Technik bedienen und nicht mehr davon erfasst haben als die Kuh von der Botanik der Pflanzen, die sie mit Wohlbehagen frisst.“ (Albert Einstein) → S. 707f

9. Einsteins Religion des Pantheismus:
Wenn ich eine Theorie beurteile, dann frage ich mich, ob ich, wenn ich Gott wäre, die Welt in dieser Weise eingerichtet hätte.“ (Albert Einstein) → S. 791
(JE: In diesem Zitat findet man einiges über die Religion Einsteins. Gott war für ihn überhaupt kein persönlicher Gott, sondern die ganze Natur, also alles, was existiert, ist zusammen „Gott“. Das nennt man „Pantheismus“. Wir sollten deshalb nie Einsteins Worte dazu missbrauchen, um zu behaupten, Einstein hätte an einen persönlichen Gott geglaubt.)

10. Über eine Weltverfassung:
Wir müssen eine Verfassung der Welt, d. h. eine wirksame weltweite internationale Ordnung anstreben, die uns hilft, einen Atomkrieg zu verhüten.“ (Albert Einstein) → S. 810
(JE: Einstein war Kommunist, der sogar das russische Terrorregime Stalins verteidigte, indem er sagte, es würden in Russland so schwierige Umstände herrschen, die solches rechtfertigen würden. Er war zudem dafür, dass die USA als Weltpolizei als einziger Staat Atomwaffen aufrüsten solle, um die anderen Staaten durch Angst vor einem Atomkrieg in Schach halten zu können.)


Das Buch selbst ist verständlich geschrieben, da muss ich Fölsing ein großes Lob aussprechen. Dass ich die Theorien Einsteins jetzt wirklich verstanden habe, möchte ich noch nicht behaupten. Das wird noch einiges mehr an Lesen, Recherchieren und Nachdenken brauchen. Das ganze Leseerlebnis hat mir jedoch sehr gefallen, und ich kann es auf jeden Fall weiterempfehlen.


Sonntag, 1. Mai 2016

Biblische Weltanschauung im „Herr der Ringe“

1. Was ist Dein persönlicher Hintergrund zum Buch oder Film? Wie bist Du darauf gestoßen? Was hast Du davon erwartet?
Jonas Erne: Ich habe Tolkien erst kennengelernt, als „Herr der Ringe“ im Kino erschienen war. Das war mein erstes Mal, wo ich seinen Namen las und hörte. Als jemand, der verfilmten Büchern seit Kindheit sehr kritisch entgegensteht, wollte ich eigentlich nur die Bücher lesen. Diese haben mir gefallen; von den Filme war ich dafür erwartungsgemäß ziemlich enttäuscht. Beim ersten Lesedurchgang ist mir noch nicht besonders viel von der christlichen Weltanschauung dahinter aufgefallen. Wohl auch deshalb, weil ich nicht danach Ausschau gehalten habe.

2. John R. R. Tolkien wollte keine „biblische Geschichte“ schreiben, sondern einfach eine unterhaltsame Geschichte. Dennoch finden sich viele Bezüge dazu. Was denkst Du, woher das kommt?
Wenn ein Autor ein gläubiger Christ ist, wird dies in seinen Büchern immer auf irgendeine Art sichtbar werden. Ein Buch ist etwas, worin ein Autor sich und seine Phantasie ausgießt und deshalb auch immer ein Stück seiner selbst. Jeder Autor macht seine Weltanschauung in seinen Büchern sichtbar – wenn denn der Leser danach sucht.

3. Was ist überhaupt eine Weltanschauung? Was sind die Grundpfeiler der biblischen Weltanschauung?
Die Weltanschauung ist die „Brille“, durch die wir die Welt anschauen. Es sind persönliche Überzeugungen, die man mitbringt und die man (meist unbewusst) gebraucht, um die Realität zu bewerten und zu interpretieren. Ganz einfach gesagt sind die Grundpfeiler der biblischen Weltanschauung Schöpfung, Sündenfall, Erlösung und Wiederherstellung. Gott hat die Welt gut geschaffen, der Mensch ist durch den Sündenfall an Gott und der ganzen Welt schuldig geworden und hat sie ins Chaos gestürzt. Jesus Christus ist gekommen, um die bösen Mächte zu besiegen, den Menschen zu erlösen und die göttliche Ordnung wiederherzustellen.

4. In „Herr der Ringe“ finden sich viele Bezüge auf diese biblische Weltanschauung. Welche davon sind Dir beim Lesen oder Ansehen besonders wichtig geworden?
Wichtig geworden ist mir zum Beispiel das Prinzip der Verantwortung. Wir Menschen sind füreinander und für die ganze Schöpfung verantwortlich (das meint der Befehl zum Herrschen über die ganze Schöpfung im biblischen Schöpfungsbericht). Die Gefährten im Buch übernehmen Verantwortung füreinander und sind auch um die Natur besorgt. Oder Gollum, der am Ende (ungewollt?) Selbstmord begeht, um den Ring zu bekommen; dazu analog hat in der Bibel Satan Selbstmord begangen, indem er dafür gesorgt hat, dass die Bühne der Weltgeschichte so vorbereitet wurde, dass Jesus Christus – als Höhepunkt und Selbstzerstörung der Bosheit – ans Kreuz genagelt wurde.

5. Im „Herr der Ringe“ findet sich nicht eine einzelne Erlöser-Figur wie das Jesus Christus in der Bibel ist, vielmehr handelt es sich um eine ganze Reihe von Helden, die gemeinsam Mittelerde erlösen. Welche Personen machen welche Aspekte der „Erlösung“ aus?
Meiner Meinung nach ist die jesusähnlichste Person im Herr der Ringe Sam Gamdschie. Ja, genau, dieser unscheinbare Hobbit, der oft mehr ein Anhängsel ist. Aber wenn es mal wirklich drauf ankommt, ist er der zuverläßige Freund. Alle anderen Personen werden vom Ring entweder verführt oder sie trauen sich nicht, ihn anzufassen. Sam ist dazu bereit, als es nötig wurde. Er wusste nicht, wie er darauf reagieren würde, er weiß nur, dass es jetzt keine andere Möglichkeit gibt. Er opfert sich sozusagen selbst und durch dieses Opfer wird die Geschichte letztendlich ein Happy-End finden.

6. Gibt es Punkte an „Herr der Ringe“, die dem biblischen Weltbild widersprechen und die Du kritisieren würdest?
Was ich etwas schwierig finde, ist der Umgang mit der Magie im Herr der Ringe. Es kann der Eindruck entstehen, dass es so etwas wie „weiße Magie“ gibt, obwohl die Bibel jede Form der Magie eindeutig verbietet. In Wirklichkeit gibt es keine „weiße Magie“, egal was damit erreicht wird. Magie ist immer und in jeder Form dämonisch.

7. Wenn junge Autoren heute von Tolkien lernen wollen, was würdest Du ihnen empfehlen, aus dem „Herr der Ringe“ zu lernen, wenn sie auch eine unterhaltsame Geschichte auf der Basis der biblischen Weltanschauung schreiben möchten?
Lass dich von der Phantasie leiten, aber behalte immer die ganze Geschichte im Hinterkopf, um dich vor inneren Widersprüchen zu schützen.

8. Welche anderen Bücher kannst Du empfehlen, die auch unterhaltsame Geschichten auf der Basis der biblischen Weltanschauung sind?
Die Geschichten von C. S. Lewis, die Pilgerreise von John Bunyan, die Romane von G. K. Chesterton, aber auch von Dorothy L. Sayers.


Sonntag, 17. April 2016

Bibel lesen? Aber sicher, das hab ich nötig!

In einem kürzlichen Gespräch ging es um das Lesen der Bibel. Im Nachhinein habe ich noch weiter darüber nachdenken müssen, weil mir ein paar Dinge dazu ganz neu wichtig geworden sind. Ich könnte mir jetzt sagen: Du hast bis jetzt jedes Buch, jedes Kapitel und jeden Vers der Bibel mindestens 12x gelesen, die meisten davon schon deutlich öfter. Irgendwann reicht das doch. Ruh dich doch mal darauf aus. Du hast Theologie studiert und dabei viele Verse auswendig gelernt, eine ganze Zahl Texte aus dem Griechischen oder Hebräischen übersetzt. Reicht das nicht? Zugegebenermaßen hatte ich solche Gedanken auch schon. Aber noch jedes Mal bin ich beim Weiterdenken ganz eindeutig zum Schluss gekommen: Nein, das reicht noch lange nicht! Warum? Weil ich es nötig habe!

1. Ich habe es nötig, jeden Morgen in meinem Denken verändert zu werden. Ich bin jeden Tag ganz vielen Einflüssen ausgesetzt, die versuchen, mein Denken zu vergiften. Werbung versucht, sich in mein Denken einzuschleichen. Filme versuchen, mir ein falsches Weltbild einzutrichtern. Die Zeitungen und Zeitschriften strotzen von Artikeln und Berichten, die meine Aufmerksamkeit wollen. Jeden Morgen soll mein Denken weg von mir und weg von der Welt auf Gott ausgerichtet werden.

2. Ich habe es nötig, jeden Morgen etwas zu lesen, was ich nicht beurteilen muss. Dieser Punkt hängt mit dem ersten zusammen, geht aber noch mehr in die Tiefe. Alles, was sich außerhalb der Bibel befindet, ist fehlbar und muss deshalb beurteilt werden. Die Bibel ist da wohltuend anders. Sie muss nicht beurteilt werden, sondern ich darf mich von ihr beurteilen lassen. Das ist das Vorrecht aller Gläubigen: Das Wort dürfen wir „lassen stahn“, wie Martin Luther so treffend dichtete. Es muss nicht verändert werden, sondern es soll mich verändern. Die Bibel ist der fixe Punkt, mit dem wir das Universum aus den Angeln heben können.

3. Ich habe es nötig, mir jeden Morgen das Evangelium zu predigen. Ich liebe es, in einer Evangelisationsveranstaltung zu sitzen. Da kommen mir regelmäßig die Tränen, weil mir bewusst wird, wieviel der Herr Jesus für mich getan hat. Eigentlich weiß ich das schon, aber – ach! - wie schnell geht das wieder vergessen in der Eile des Alltags. Und wie gern würde ich da jeden Morgen in so einer Veranstaltung sitzen. Da das leider nicht möglich ist, habe ich es nötig, mir das selbst jeden Morgen zuzusprechen. Ich habe es nötig, mir wieder neu der Gnade und Größe Gottes bewusst zu werden.

4. Ich habe es nötig, dass Gott jeden Morgen neu zu mir spricht. So, und jetzt schreibe ich das als Pfingstler, der sich darüber freut, dass alle Gaben des Geistes im Hier und Jetzt für uns vorhanden und in Gebrauch sind. Die Gabe der Prophetie ist mir nichts Fremdes, und ich freue mich sehr darüber, von Gott immer wieder damit gebraucht zu werden. Und dennoch (oder gerade deshalb?) bestehe ich darauf, dass sich die Gabe der Prophetie nur dort gut und gesund entwickelt, wo wir Menschen des Wortes Gottes sind. Wenn wir wollen, dass Gott zu uns redet, dann wenden wir uns der Bibel zu. Dort redet Gott so zu uns, dass Sein Wort keine Überprüfung und keine Korrektur braucht. Paulus macht klar, dass dort, wo Menschen in der Gemeinde prophetisch reden, immer andere da sein müssen, die das Gesagte beurteilen. Die Bibel braucht das nicht, sie ist Gottes reines und unveränderliches Wort.

5. Ich habe es nötig, jeden Morgen für den Tag ausgerüstet zu werden. Jeden Morgen bekomme ich von Gott ganz bestimmte Dinge gezeigt, die mich durch den Tag begleiten und meine Augen für bestimmte Menschen und Situationen öffnen. Häufig werde ich so sensibel für Versuchungen, die mich an diesem Tag versuchen wollen. Dann kommt mir in den Sinn: Mensch, das haste ja heute früh gelesen! Finger weg davon! All das habe ich Tag für Tag von Neuem nötig, und deshalb lese ich auch sehr gerne und mit großer Freude, geradezu „gierig“ darin.

Und warum liest Du die Bibel (oder nicht)?